HANSPETER JÖRG

Nach meiner Käserlehre suchte ich Ende 1959 eine

Stelle im Ausland um meine Erfahrung zu erweitern.

Die meisten Käser gingen damals nach Dänemark,

mich zog es nach Frankreich. Durch die Vermittlung

eines Herrn Andrè Abplanalp, damals Direktor der

vereinigten Zürcher Molkereien (die dann von den Toni

Molkereien übernommen wurden und diese wiederum

von der Emmi) fand ich eine Stelle bei einer Familie

Kaiser (ursprünglich aus Dussnang) in Vernols par

Allanche, in Frankreichs Zentralmassiv auf 1100

m.ü.Meer, südlich von Clermont Ferrant. Ich hatte ei-

nen Monatslohn von 400 Francs vereinbart, was etwa

320 Franken entsprach. In der Schweiz hätte ich deut-

lich mehr verdient. 2 Wochen nachdem ich die Stelle

antrat, trat die Hälfte der Bauern einer neuen Genos-

senschaft bei und die Milchmenge in der Käserei hal-

bierte sich.

Geben und Nehmen

Bei der Auszahlung des ersten Lohnes gab ich mei-

nem Chef 100 Francs zurück und sagte ihm, dass das

genügend sei, ich hätte ja auch weniger Arbeit. Ich

wurde danach mit so viel Anerkennung, Achtung und

Liebe bedacht, dass ich mich reich beschenkt fühlte.

Man kann diese Anerkennung nicht in Franken und

Rappen beziffern, aber ich hatte das Gefühl, dass ich

weit mehr erhalten hätte, als ich gegeben habe. Beruht

vielleicht das Wunder der wunderbaren Vermehrung

des Brotes in der Bibel auf dem Umstand des Teilens

des knappen Brotes?

Die Geschichte hat noch ein kleines Nachspiel: Vor

etwa 4 Wochen (September 15) läutete es an der Wohnungstüre bei

mir in Frauenfeld und vor der Türe stand der damalige

Juniorchef mit seiner Tochter. Sie haben Verwandte in

der Schweiz besucht und einen kleinen Umweg ge-

macht, um mir einen Besuch abzustatten. Der damalige Juniorchef

Ist jetzt 94 Jahre alt.